10.06.2020

Neueste Jobzahlen geben Grund zu Hoffnung und Vorsicht – und einer gesunden Portion Realismus

Phil Levy
Chief Economist, Flexport

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Die aktuellen US-Arbeitsmarktzahlen lassen hoffen! Laut einer aktuellen Mitteilung des US-amerikanischen Bureau of Labor Statistics (BLS) sind im Mai 2,5 Millionen neue Jobs entstanden – dies entspricht dem größten Zuwachs innerhalb eines Monats aller Zeiten und übertrifft bei weitem alle Prognosen. Sofort schossen die Börsenkurse in die Höhe, werteten die Finanzmärkte diese Zahlen doch als V-förmige Erholung, die uns aus dem tiefen COVID-19-Tal herausführen würde.

Am Freitag lag der S&P 500 bei Börsenschluss nur noch 6 Prozent unterhalb seines historischen Höchststands im Februar – ein erheblicher Anstieg, wenn man bedenkt, dass der Index Mitte März fast 35 Prozentpunkte eingebüßt hatte. Bedeutet das also, dass es nach dieser düsteren Phase nun endlich wieder Licht am Ende des Tunnels gibt?

Leider nein, denn vor uns liegen weiterhin enorme wirtschaftliche Schwierigkeiten. Um zu verstehen, warum das so ist, können wir uns zwei Fragen stellen: Was genau muss passieren, damit sich die Wirtschaft vollständig erholen kann? Und wie sind die aktuellen US-Arbeitsmarktzahlen zu bewerten?

Um die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise zu überwinden, müssen drei Dinge geschehen:

  1. Die Pandemie muss besiegt werden.
  2. Die Verbrauchernachfrage und Wirtschaftsaktivität müssen sich erholen.
  3. Die entstandenen Löcher müssen gestopft werden.

Was den ersten Punkt anbelangt, gibt es bisher weder einen Impfstoff noch eine wirksame Behandlung. Zudem gibt es berechtigte Angst vor einer zweiten Krankheitswelle.

In Bezug auf die Erholung der Verbrauchernachfrage und Wirtschaftsaktivität hofft der unverbesserliche Optimist in uns, dass eine Wirtschaft, die von der Regierung heruntergefahren wurde, auch ebenso schnell wieder hochgefahren werden kann – Stichwort „V-förmige Erholung“. Realistisch betrachtet, ist das jedoch höchst unwahrscheinlich. Erstens gibt es robuste Daten, die zeigen, dass die Kaufneigung der Amerikaner weiterhin gering ist, selbst wenn die Geschäfte in einigen Bundesstaaten wieder geöffnet haben. Das könnte allein schon daran liegen, dass mehrere Millionen US-Amerikaner ihren Job verloren haben und sich Sorgen darüber machen, was passiert, wenn die Arbeitslosenunterstützung ausläuft.

Zweitens müssen zahlreiche Wirtschaftsaktivitäten erst einmal wieder erlaubt werden. Um Gewinne zu machen, müssen Bars und Restaurants voll sein – ebenso wie Flugzeuge, Stadien und Messehallen. Dies ist aufgrund der geltenden Abstands- und Hygieneregelungen nicht nur verboten – ungewiss ist auch, ob solche Betriebe angesichts der strengen Auflagen überhaupt überleben werden. Ein Restaurant, dass immer nur zu einem Drittel ausgelastet ist, kann sich in der Regel nicht lange halten.

Drittens kommt es nicht allein auf die Binnennachfrage an. Exporte machten 2019 fast 12 Prozent des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts aus. Um dieses Niveau wieder zu erreichen, müssten sich zunächst auch andere Länder erholen. Die jüngst veröffentlichten US-Exportzahlen vom April zeigen einen Rückgang um 20,5 Prozent seit März und insgesamt um 28,5 Prozent seit Februar.

Selbst wenn wir endlich einen Corona-Impfstoff hätten und die Verbraucherstimmung wieder steigen würde, bliebe noch immer ein gewaltiges Loch, das wir stopfen müssten. Nehmen wir als Beispiel ein Unternehmen, das für 2020 mit Umsätzen in Höhe von 12 Millionen US-Dollar und Ausgaben von 10 Millionen US-Dollar kalkuliert hatte. Gehen wir nun davon aus, dass das Unternehmen drei Monate lang schließen musste, in dieser Zeit aber weiterhin Kosten hatte. Die Umsätze betrügen also nur 9 Millionen US-Dollar, während die Kosten mit 10 Millionen US-Dollar gleich blieben. In diesem Beispiel wäre das besagte Loch die fehlenden 3 Millionen US-Dollar Umsatz. Nun gäbe es durchaus Möglichkeiten, diese Lücke zu schließen: So könnte das Unternehmen über das Paycheck Protection Program (PPP) einen erlassbaren Kredit aufnehmen oder in den Monaten nach Aufhebung des Lockdowns vielleicht sogar erheblich mehr Umsatz erzielen und die Verluste so wieder ausgleichen. Fest steht jedoch: Irgendwie muss dieses Loch gestopft werden. Ansonsten kann es sein, dass das Unternehmen pleitegeht. Dadurch würden noch größere Lücken für andere Unternehmen entstehen, denn das zahlungsunfähige Unternehmen kauft keine Produkte oder Dienstleistungen mehr von seinen Zulieferern ein.

Je länger die Wirtschaft heruntergefahren ist, desto größer wird dieses Loch. Tatsächlich geht das Congressional Budget Office davon aus, dass die Coronakrise die Wirtschaft bis 2030 insgesamt 7,9 Billionen US-Dollar kosten wird.

Die Konjunkturaussichten sind also weit von ihrem Stand im Februar entfernt. Und auch die aktuellen US-Arbeitsmarktzahlen sagen nichts Gegenteiliges. Auch wenn der deutliche Zuwachs die Prognosen deutlich übertroffen haben, sind die Zahlen doch mit Vorsicht zu genießen:

  • Allein die Datenerhebung gibt Grund zu zweifeln. Das BLS betont, dass die üblichen persönlichen Umfragen aufgrund der Pandemie nicht möglich waren und die Rücklaufquote der Umfrage mit 67 Prozent rund 15 Prozentpunkte niedriger lag als gewöhnlich. Auch die Ergebnisse der Erhebung sind merkwürdig: Noch nie zuvor hat es eine solche Diskrepanz zwischen dem Anteil der Arbeitslosen, die derzeit noch Arbeitslosenunterstützung erhalten, und der allgemeinen Arbeitslosenquote gegeben.
  • Auf eine unerwartet hohe Zunahme der Arbeitslosenquote kann durchaus eine gleichermaßen überraschende Gegenbewegung folgen, sobald der Arbeitsmarkt wieder anzieht. 2,5 Millionen Arbeitsplätze sind viel, doch der Rückgang zuvor fiel erheblich höher aus.
  • Im Mai betrug die Arbeitslosenquote schätzungsweise 13,3 Prozent. Das BSL schreibt jedoch, dass die tatsächliche Zahl durch Fehlklassifizierungen etwa 3 Prozent höher liege. Dementsprechend beläuft sich die gemessene Arbeitslosenquote also auf rund 16 Prozent. Folglich hat sich die US-Wirtschaft nicht nur noch nicht wieder erholt, sondern die Lage ist deutlich schlimmer als zum Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise.
  • Es sei auch darauf hingewiesen, dass die US-Regierung für die aktuellen Jobzahlen tief in die Tasche gegriffen hat. Staatliche Förderprogramme wie das PPP für Kleinunternehmen legten den Schwerpunkt auf den Erhalt von Arbeitsplätzen. Diese Maßnahmen sind jedoch zeitlich begrenzt. Die Beschäftigung in Betrieben wie Bars und Restaurants sollte dadurch künstlich gefördert werden. Tatsächlich entfielen 1,4 Millionen – also mehr als die Hälfte – der im Mai geschaffenen Arbeitsplätze auf Gastronomiebetriebe sowie Kneipen und Bars. Diese Entwicklung wird jedoch stoppen, sobald die staatlichen Programme auslaufen und den Empfängern die erhaltenen Fördermittel ausgehen. Zudem senken diese Zahlen voraussichtlich die Chance auf ein neues, großzügiges Konjunkturpaket.

Irgendwann wird auch diese Wirtschaftskrise hinter uns liegen. Doch bis dahin wird trotz der positiven US-Arbeitsmarktzahlen noch einige Zeit ins Land gehen.

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