09.04.2020

Globale Lieferketten auf dem Prüfstand

Phil Levy
Chief Economist, Flexport

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Die Coronavirus-Pandemie hat nicht nur zu Konjunktur- und Handelseinbrüchen geführt, sondern auch die Frage aufgeworfen, ob globale Lieferketten tatsächlich eine gute Idee sind. Laut Aussage von Peter Navarro, Handelsberater des Weißen Hauses, zeigt die Coronavirus-Krise, dass die USA einen zu großen Teil einen zu großen Teilihrer Lieferkette ins Ausland verlagert habe. Erstaunlicherweise gleicht dieses Fazit seiner Ansicht, die er unmittelbar vor Präsident Trumps Amtsantritt vor drei Jahren geäußert hat.

Diese Fragen werden jedoch nicht nur in den USA gestellt. Laut Aussage des französischen Finanzministers Bruno Le Maire sollte die Pandemie Frankreich dazu veranlassen, über eine stärkere „wirtschaftliche und strategische Unabhängigkeit“ in Schlüsselindustrien nachzudenken. Die Idee, nationale Schlüsselindustrien in Frankreich zu unterstützen, ist nicht neu.

Wenn es wirklich die Umstände der Krise sind, die jetzt der Grund dafür sind, die global verteilte Produktion zu überdenken, sollte man sich dann nicht auch die Frage stellen, worin genau das Supply Chain Problem im Kern besteht? Betrachtet man das gesamte Umfeld, gibt es offenbar drei zentrale Gründe:

1. Zu große Abhängigkeit von nur einem Anbieter

Anfangs wurden die wirtschaftlichen Auswirkungen des neuartigen Coronavirus als Angebotsschock aus China angesehen. Als Wuhan und die Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt und Reisebeschränkungen in China erlassen wurden, kam die Lieferung chinesischer Produkte und Ersatzteile an Unternehmen und Werke weltweit zum Erliegen. Zusammen mit den Handelsbarrieren aufgrund des Handelskriegs zwischen den USA und China herrschte zunächst die Auffassung, dass man zu stark von China abhängig sei.

Doch binnen weniger Wochen ist die Produktion in chinesischen Fabriken wieder angelaufen. Dadurch hat sich die Weltwirtschaft jedoch nicht erholt – weit gefehlt. Die Folgeprobleme lagen nicht in China. Denn im Zuge der Schließung der Wirtschaft in anderen Ländern hatten die chinesischen Fabriken Schwierigkeiten, wichtige Informationen für ihre Produktion zu erhalten. Schon kurz nach der Wiederaufnahme ihrer Produktion hatten chinesische Hersteller mit Auftragsstornierungen von hart getroffenen Kunden in Europa und den USA zu kämpfen.

Aufgrund der anhaltenden Supply Chain Probleme kristallisierte sich heraus, dass man nicht nur ein Land für die Lieferengpässe verantwortlich machen kann. Das bedeutete, dass Strategien zur Diversifizierung der Lieferketten, die während des Handelskriegs noch große Beachtung gefunden hatten, angesichts einer Pandemie, von der die größten Volkswirtschaften der Welt betroffen sind, nur relativ wenig bewirken konnten.

2. Gefahr von Lieferausfällen in geografisch verteilten Lieferketten

Ein zweiter negativer Aspekt, den man globalen Lieferketten zur Last legen könnte, sind die Bedenken in Bezug auf die Beschaffung von Arzneimitteln und Schutzausrüstung von Herstellern aus einem zu weit entfernten Land. Es gab jedoch erst wenig Anzeichen dafür, dass die Entfernung ein Problem sein könnte. Zwar gab es starke Störungen im globalen Transportwesen – angefangen von der Streichung von Passagierflügen bis hin zu starken Einschränkungen bei Seefracht-Transporten. Dennoch waren recht schnell Flugtransporte mit Hilfslieferungen möglich, allerdings zu höheren Kosten.

Selbst wenn sich Lieferketten nur auf das Inland beschränken, könnten Lieferengpässe beispielsweise durch die Unterbrechung von Straßen- und Schienentransporten oder die Schließung von Häfen auftreten. Diese kürzeren Lieferketten könnten auch anfälliger für regionale oder lokale Schocks, wie Stürme, Erdbeben oder andere Naturkatastrophen, sein.

3. Zu starke gegenseitige Abhängigkeit

Ein drittes Problem in Bezug auf globale Lieferketten könnte die durch Spezialisierung bedingte gegenseitige Abhängigkeit sein. Möglicherweise ist es nicht nur ein einzelner Anbieter, der Anlass zur Sorge gibt, oder eine Frage der Entfernung, sondern vielmehr ein generelles Problem, dass wir bei wichtigen Produkten zu stark auf andere angewiesen sind.

Darüber wurde im Zusammenhang mit medizinischen Hilfslieferungen in letzter Zeit lautstark diskutiert. Diese Frage ist jedoch genereller Natur. In Notzeiten möchte niemand auf lebenswichtige Medikamente oder medizinische Schutzausrüstung verzichten. Gleiches gilt für Benzin, Toilettenpapier oder merkwürdigerweise Mehl und Hefe. Spezialisierte Produktion hat den Vorteil, dass die Verbraucher eine große Auswahl an Produkten zu relativ niedrigen Preisen haben. Von Nachteil ist – und auch schon immer war –, dass Spezialisierung ein Maß an Vertrauen darauf erfordert, dass andere ihren Teil zu kontinuierlichen Lieferungen beitragen. Wenn ich keine eigenen Lebensmittel anbaue, bin ich darauf angewiesen, dass die Lebensmittelgeschäfte geöffnet bleiben.

Ist also die nationale Abhängigkeit weniger besorgniserregend als die internationale Abhängigkeit? Aufgrund der jüngsten verzweifelten Bemühungen, ihre Krankenhäuser mit persönlicher Schutzausrüstung auszustatten, lagen US-Bundesstaaten im Wettstreit miteinander, obwohl diese Materialien weiterhin aus China geliefert wurden. Mittlerweile ist Toilettenpapier Mangelware in den USA – eine Ware, die vorwiegend aus Nordamerika beschafft wird.

Es dürfte kaum überraschen, dass Wirtschaftsmodelle in Krisenzeiten in Frage gestellt werden. Genau dies geschieht jetzt mit globalen Lieferketten. Daher ist es überhaupt keine Überraschung, dass aktuelle Ereignisse als Bestätigung für die ohnehin vorhandene Skepsis angesehen werden. Wichtig ist jedoch, dass man sich konkret darüber Gedanken macht, was tatsächlich schief gelaufen ist. Und inwiefern – und ob überhaupt – eine kostspielige Abkehr von globalen Lieferketten die Sachlage verbessern könnte.

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