24.07.2020

Fünf Gründe, weshalb das aktuelle Wirtschaftsklima die Ruhe vor dem Sturm ist

Phil Levy
Chief Economist, Flexport

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Die aktuellen Aussichten für die US-Wirtschaft sind äußerst positiv: Die Zahlen von Anfang Juli zeigen eine Erholung der Wirtschaft nach dem deutlichen Einbruch im März und April und es gibt vielversprechende Berichte zur Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen COVID-19. Auch mutige politische Entscheidungen der Regierung in Washington sowie der US-Notenbank geben Hoffnung und die Aktienmärkte – die zukunftsorientiert sein sollten – sind wieder auf dem Niveau von Februar. Alles scheint auf eine V-förmige Entwicklung hinzudeuten, einem starken Einbruch gefolgt von einer schnellen Erholung. Also alles wieder auf Anfang? Das wäre eine schöne Vorstellung, allerdings gibt es mehrere Hinweise darauf, dass uns noch schwere Zeiten bevorstehen.

Denn der Anschein trügt: Obwohl die Arbeitslosenzahlen in den USA nicht wie befürchtet auf 20% hochgeschnellt sind, so stiegen sie im Mai doch auf 14% an. Die „Erholung“ im Juli verbesserte den Wert lediglich auf 11,1 % – noch immer eine höhere Zahl als zum Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise.

Das wäre weniger besorgniserregend, wäre die schockierende Lage bereits vollständig überwunden. Jedoch betrug die Zahl der Anträge auf Arbeitslosengeld in der vorletzten Woche (11. Juli) 1,3 Millionen. Das ist die 17. Woche in Folge, in der die wöchentlichen Erstanträge bei über 1 Millionen liegen. Zum Vergleich: Vor der aktuellen Krise gab es keine einzige Woche mit mehr als 700.000 Anträgen. Die schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen sind also nach wie vor spürbar.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde man bei einem Patienten Fieber messen, nachdem man ihm ein fiebersenkendes Mittel verabreicht hat. Das Ergebnis mag auf den ersten Blick ermutigen, doch was passiert, wenn das Medikament abklingt? Für die US-Wirtschaft kam die effektivste Medizin in Form des bundesweiten CARES Act, der Ende März in Kraft trat. Das Hauptziel der zahlreichen Bestimmungen war, die Wirtschaft nur durch eine kurze Durststrecke zu bringen und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie einzudämmen.

Das Paycheck Protection Program bietet kleinen Unternehmen wie Restaurants und Einzelhändlern potenziell erlassbare Darlehen – sofern sie den Großteil des Geldes für die Bindung von Mitarbeitern und zudem schnell ausgeben. Auch die Unterstützung von Fluggesellschaften war an Personalerhaltung geknüpft. Zeitlich begrenzte Hilfszahlungen und erhöhte Arbeitslosenunterstützung sollten ihrerseits ein vorübergehendes Gegengewicht zu Einkommenseinbrüchen und sinkender Nachfrage bieten.

Wäre die Pandemie mit dem Sommer abgeflacht, hätten diese Maßnahmen vielleicht ausgereicht. Stattdessen sind die Infektionszahlen in den USA rasant angestiegen und stellen weiter immense Herausforderungen für die Wirtschaft dar.

Allem voran zeigen Daten vom Beginn der Pandemie, dass sich die Konsumenten aufgrund der Gesundheitsrisiken einschränkten. In manchen Fällen kam es dadurch zwar zu erhöhten Ausgaben – zum Beispiel bei Zutaten zum Brotbacken oder bei Fitnessgeräten für das Zuhause. Doch hauptsächlich führte die Kundenreaktion zu Einbrüchen in den Branchen Unterhaltung, Reisen, Gastronomie sowie im Einzelhandel.

Zusätzlich bleibt durch den Anstieg der COVID-19-Fälle die Angst vor neuen Lockdowns, die die Überlebensfähigkeit jener Unternehmen gefährden, die nur mit viel Mühe die erste Welle überstanden haben.

Auch verstärken die steigenden Infektionszahlen die Sorge vor Schulden und Insolvenzen. Erst letzte Woche gaben große US-Banken bekannt, dass sie Rücklagen in Höhe von über 30 Milliarden US-Dollar gebildet haben, um sich gegen erwartete Kreditausfälle abzusichern. Und sie sprachen dabei offen über die Gründe: Der CFO von JPMorgan sagte: „…Wir erwarten jetzt einen langfristigeren Einbruch und stellen uns auf deutlich umfassendere Folgen für verschiedene Branchen ein.” Das Problem ist jedoch nicht allein auf Banken begrenzt. Auch der CEO von Levi Strauss prognostiziert anhaltende Insolvenzen im Einzelhandel.

Hinzu kommt, dass sich das Konsumverhalten verändern wird, je länger die pandemiebedingte Ausnahmesituation anhält. Werden Unternehmen nach der Krise weiterhin so viele Flugreisen anbieten? Kommen Konsumenten wieder in die Geschäfte oder bestellen sie weiter bequem von zu Hause? Werden Fans noch große Summen für Konzerte und Sportveranstaltungen ausgeben? Kommen wieder Gäste in die Restaurants, nachdem sie in Zeiten des Lockdowns gelernt haben, zu kochen? Man kann darüber streiten, ob solche Veränderungen positiv oder negativ sind, aber Fakt ist, dass sie für all jene Unternehmen und Gemeinden folgenschwer sein werden, die Investitionen in das Kaufverhalten von vor der Krise getätigt haben.

Zu guter Letzt werden bei all diesen neuen Herausforderungen auch die Geldspritzen langfristig ihre Wirkung verlieren: Kredite, mit denen sich viele kleine Unternehmen über Wasser gehalten haben, laufen aus, genauso auch erweiterte Arbeitslosenleistungen, die nur noch bis Ende Juli gelten. Hinzu kommen die bedeutenden Stellenstreichungen bei den Fluggesellschaften.

Das wird die Gesetzgeber in Washington bei einer ohnehin aufgeladenen politischen Stimmung mit sehr schwierigen Fragen konfrontieren. Zwar gab es Einigkeit darüber, wie zu reagieren ist, solange die Bedrohung als einzigartig, umfassend und kurz galt. Eine anhaltende Bedrohung hingegen wird wohl viel eher zu politischen Auseinandersetzungen führen.

Der Ökonom Joseph Schumpeter prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „schöpferische Zerstörung“. Damit beschreibt er, wie Wirtschaften das Alte zerstören und das Neue schaffen – ein Vorgang, der sich in Abschwungphasen beschleunigen kann. Es scheint ganz so, dass wir angesichts der auslaufenden, kurzfristigen Maßnahmen am Anfang einer derartigen Periode stehen. Und auch wenn wir uns gerade in Sicherheit wiegen, könnte es bloß die Ruhe vor dem Sturm sein.

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